Tunnel

Persönliche Erfahrungen unserer Hospizbegleiter

Irmgard Lucht

Irmgard L.

Käthe

Begegnet bin ich ihr am 9. März 2005 im Maria-Stadler-Haus (2. Stock).
Während meiner Ausbildung zur Hospizhelferin sollte sie mir zu praktischen Erfahrungen mit hinfälligen alten Menschen verhelfen, und für sie hatte ich mich entschieden, weil mich das, was man mir über sie sagte, sehr an meine Schwiegermutter in Norddeutschland erinnerte: “92 Jahre alt – sehr lieb – sehr dement“.

Aufrecht und gepflegt saß sie an ihrem Platz im Speisesaal, und freundlich, wenn auch etwas vage, bejahte sie meine Frage, ob ich mich ein wenig zu ihr setzen dürfe. Behutsam und tastend stellte ich ihr diese oder jene Frage, erzählte etwas von mir und merkte schon bald, dass gezielte verbale Kommunikation kaum möglich war – die Fähigkeit und wohl auch das Bedürfnis, sich durch Worte mitzuteilen, schien ihr weitgehend abhanden gekommen zu sein.

(mehr …)

Annemarie Weinberger

Annemarie W.

Sprachlos

Schon als junges Mädchen wurde ich als Stationshilfe ohne Vorwarnung in einem Pflegeheim für Blinde und Taubblinde mit Sterben konfrontiert. Der natürliche und menschenfreundliche Umgang der Ordensschwestern mit den Sterbenden hat meine Einstellung tief beeindruckt und geprägt.
Mein Leben hat jedoch einen anderen Verlauf als vorgesehen genommen: Ich sollte Jahrzehnte erfolgreich in der kaufmännischen Verwaltung arbeiten und mir immer wieder auf’s Neue wünschen, doch endlich Zeit für die Ausbildung in der Hospizhilfe zu finden. Mit über 50 trifft mich dann eine persönliche Lebenskrise; zusätzlich werde ich erstmals aus dem Arbeitsprozess geworfen.
Jahrelang als passives Mitglied beim Hospizverein Haar, konnte ich dort sofort ohne weiteren Zeitverlust die Ausbildung zum Hospizhelfer aufnehmen. Es folgten über 4 Monate angereichert mit tiefen persönlichen Empfindungen. Die Gruppenarbeit war hierbei ein großer Segen und hat mich mit den erforderlichen Werkzeugen zum Hospizhelfer ausgestattet.

(mehr …)

Renate K.

Renate K.

Meine Ausbildung zur Hospizbegleiterin

Seit es den Haarer Hospizverein gibt (1997), verfolge ich seine Tätigkeit mit großem Interesse; dennoch brauchte ich fast zehn Jahre, bis ich endlich den Entschluss fasste, mich zur Hospizbegleiterin ausbilden zu lassen. Als sich das Ende meiner Berufstätigkeit abzeichnete und ich nach einer sinnvollen neuen Tätigkeit suchte, war ich dann soweit! Doch: ob ich das wohl schaffe? So fragte ich mich damals, noch leicht zögernd.

(mehr …)

Rita W.

Rita W.

Was ich heute bin

Was ich heute bin, verdanke ich meiner Mutter. Nicht nur das Gute in meinem Wesen. Auch meine berufliche Laufbahn.
Die Ärzte stellten im Februar 1989 Krebs bei meiner Mutter fest. Es war furchtbar! Gerade hatte ich mein viertes Kind geboren. Operationen halfen nicht lange. Im Juli hieß es, es gibt keine Hoffnung mehr.
Mit dem Baby eilte ich immer wieder nach Augsburg, um sie zu besuchen. Sie lag im Krankenhaus und litt schrecklich. Ständig war ihr übel. Sie war abgemagert. Und doch war sie so tapfer. Ich weinte und schrie mir den Kummer von der Seele auf der Heimfahrt, wenn ich von ihr kam. Irgendwann flehte ich Gott an, sie von ihren Leiden zu erlösen.

(mehr …)

Thora Augustin

Thora A. im Alter von 84 Jahren

Warum habe ich mich für die Hospizidee interessiert?

Ich denke, dass Ängste vor dem eigenen Sterbeprozess – der ja unweigerlich einmal kommen wird – den Wunsch hervorgebracht hat: Wenn schon sterben, dann in Frieden, möglichst ohne schlimme Prozeduren und Qualen.

Als meine Mutter im Krankenhaus starb – das war 1990 –, wusste ich noch nicht, dass in München bereits der ambulante Christophorus Hospiz Verein bestand, bei dem ich mich hätte beraten lassen können. Ich wusste beispielsweise nichts von Palliativmedizin, auch nichts von meinen rechtlichen Möglichkeiten, auf die Art der Behandlung Einfluss zu nehmen. Damals nahm ich einfach alles hin.

Danach habe ich mich ausführlich über Patientenverfügungen informiert. Die Beschäftigung mit diesem Thema hat mich auch zur Hospizidee geführt.

(mehr …)

Renate Klingenfuß

Renate K.

Sterbebegleitung bei Frau B.

„Es brennt mal wieder im Maria-Stadler-Haus“ – mit diesen Worten schickt unsere Einsatzleiterin eine Rundmail an alle aktiven Hospizbegleiter und bittet um Rückmeldung, wer wann eine Sterbende im Heim begleiten könne, deren Lebenserwartung vermutlich nur noch bei einigen Tagen liegt. Ich melde mich spontan, gehe am selben Abend auf die Station und lasse mir von der Schwester den Zustand der 80-jährigen alten Dame schildern. Dann gehen wir gemeinsam ins Zimmer von Frau B., die zum Glück (so empfinde ich das für mich) allein liegt, das zweite Bett ist gerade nicht vergeben. Ich stelle mich vor, weiß jedoch nicht, ob meine Worte Frau B. erreichen. Die Schwester geht. Behutsam rücke ich mir einen Stuhl ans Bett und versuche, mir ein Bild von der Situation zu machen. Offensichtlich hat Frau B. Schmerzen; sie ist unruhig, wirft immer wieder die Arme in die Luft und ruft au-au-au. Ich fange ihre Arme in der Luft auf, halte sacht ihre Hände und rede ganz leise auf sie ein, versuche, sie zu beruhigen. Nach einer Weile kommt die Ärztin und spitzt ihr Morphium. Was könnte Frau B. gut tun, was ihr Linderung verschaffen? Ich hoffe so sehr, dass sie bald schmerzfrei ist und schlafen kann. Draußen schneit es ganz leise, auch im Haus ist es bereits still. Es ist eine ganz besondere Stimmung.

(mehr …)

Prof. Dr. Anneliese Boettiger

Anneliese B.

„Ach Elisabethchen!“

So sprach Herr M. seine Frau häufig an, wenn er sich weinend über sie beugte. Als ich Frau M. das erste Mal sah, schien sie schon weit weg zu sein; man könnte meinen, dass es bald vorbei ist. Sie war nur noch Haut und Knochen (37 kg bei normaler Größe), denn sie hatte seit Wochen das Essen verweigert. Als ich drei Tage später wieder kam, war sie wach und sagte ab und zu mal etwas meist Unverständliches. Erstaunlich war ihr kräftiger Herzschlag und die tiefe Atmung. Außer mit den Händen und Armen bewegte sie sich nicht. Sie konnte die Schnabeltasse selbst halten und gut schlucken. Wenn man ihr ins Gesicht sah lächelte sie. Ein paar Mal erzählte sie mir von ihren Reisen und Bergwanderungen. Leider konnte ich nur Brocken verstehen, weil sie sehr undeutlich sprach (ohne Zähne). Ihr Mann betonte immer wieder, wie zäh sie bei all den Anstrengungen durchgehalten hat. Auch er erzählte mir häufig von den schönen gemeinsamen Erlebnissen. Wenn der Chef des Hauses (Betreutes Wohnen) vorbeischaute und mit ihr redete, strahlte sie und war ganz stolz. Hervorzuheben ist, dass sich eine Bewohnerin des Hauses rührend um die beiden kümmerte. Denn zeitweise brauchte auch ihr Mann Betreuung und musste aktiviert werden. Aber immer wieder sagte er zu mir: “Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll“. So war es in den drei Wochen ein ständiges Auf und Ab.

(mehr …)

Prof. Dr. Anneliese Boettiger

Anneliese B.

„Danke“ „Ja“

Während meiner neunmonatigen Begleitung von Frau S. (91) in einem Vaterstettener Pflegeheim waren dies die einzigen Worte, die ich je einmal von ihr hörte. Als mich ihre Tochter am 2. August 2007 bei Fr. S. einführte, lautete die Diagnose ,,altersschwach und dement“. Sie lag fast regungslos da und atmete gleichmäßig; ihr Herz war wohl noch recht kräftig. Sie reagierte auch nicht, als ihre Tochter sie berührte und anredete. Von da an fuhr ich zweimal pro Woche (mit wenigen Ausnahmen) zu ihr und zwar über Mittag so zwischen 11 und 13 Uhr. Da hatte ich dann Zeit, ihr Essen einzugeben und löffelweise Trinken einzuflößen, denn Fr. S. tat sich mit dem Schlucken schwer. So konnte ich gleichzeitig das Pflegepersonal etwas entlasten. Die Pfleger/innen hatten nicht so viel Zeit zur Essenseingabe, aber sie bemühten sich sehr.

(mehr …)

Jutta Rasch

Jutta R.

Bericht einer Begleitung

Durch die Einsatzleitung wurde ich meinem neuen Patienten vorgestellt. Er litt an Lungenkrebs im Endstadium und wollte zuhause bei seiner Frau sterben.

Seine Frau war gelernte Krankenpflegerin und versprach ihm, ihn bis zuletzt zu begleiten. Da das Hobby des Ehepaars Hundezüchtung war, musste die Frau ihre Hunde täglich ausführen und wollte ihren Ehemann in dieser Zeit nicht alleine lassen. Der Patient sah aber überhaupt keine Notwendigkeit meiner Gegenwart und machte mir das auch unmissverständlich klar.

(mehr …)

 

Elmar Ludwig

Elmar L.

Eine Begleitung im Krankenhaus

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
liebe Freunde der Hospizidee und der Menschlichkeit,
ich darf mich kurz vorstellen:

Elmar Ludwig, Jahrgang 35. Seit vier Jahren dabei. Seit zwei Jahren auf der onkologischen Station im Krankenhaus Neuperlach tätig.
Zur Information ganz kurz der übliche Ablauf:
Begrüßung im Schwesternzimmer. Von den meisten kennt man schon ein bisschen Persönliches. Glück und Leid. Da kann ein gutes Wort auch nichts schaden. Außerdem sind das die Leute, die tagtäglich dran sind mit allen Verrichtungen und durchhalten, wenn wir schon längst wieder daheim sind.

(mehr …)

Rita Wiegand

Rita W.

Eine Nachtwache

Frau A. war uns schon lange Zeit bekannt. Wir haben uns immer wieder um sie gekümmert, z.B. wenn sie ins Krankenhaus musste oder nicht gut laufen konnte.
Dann kam es wieder einmal zu einem Krankenhausaufenthalt. Sie hatte massive Atemprobleme. In der Nacht war sie sehr unruhig, so dass sie in ein Einzelzimmer verlegt werden musste.
Am nächsten Tag ging ich zu ihr. Ich hatte mir vorgenommen, die ganze Nacht bei ihr zu bleiben. Frau A. freute sich sehr. Sie erzählte mir von der vergangenen Nacht, in der sie so viel Angst gehabt hatte. Wir aßen gemeinsam zu Abend und dann plauderten wir bis spät in die Nacht – sie ging gern spät zu Bett.

(mehr …)