Abendsonne

Poesie

Bleibe still neben mir

Wenn es so weit sein wird mit mir,
brauche ich den Engel in dir.
Bleibe still neben mir in dem Raum,
jag´ den Spuk, der mich schreckt, aus dem Traum,
sing ein Lied vor dich hin, das ich mag,
und erzähle, was war manchen Tag.

Zünd ein Licht an, das Ängste verscheucht,
mach die trockenen Lippen mir feucht,
wisch´ mir Tränen und Schweiß vom Gesicht,
der Geruch des Verfalls schreckt dich nicht.

Halt ihn fest, meinen Leib, der sich bäumt,
halte fest, was der Geist sich erträumt,
spür´ das Klopfen, das schwer in mir dröhnt,
nimm den Lebenshauch wahr, der verstöhnt.

Wenn es soweit sein wird mit mir,
brauche ich den Engel in dir.

(Barth,K. / Horst, R.)

Dank

Ich danke allen, die meine Träume belächelt haben.
Sie haben meine Phantasie beflügelt.

Ich danke allen, die nicht an mich geglaubt haben.
Sie haben mir zugemutet, Berge zu versetzen.

Ich danke allen, die mich verletzt haben.
Sie haben mich gelehrt, im Schmerz zu wachsen.

Ich danke allen, die meinen Frieden gestört haben.
Sie haben mir meinen Standpunkt klargemacht.

Vor allem danke ich aber allen, die mich lieben, so wie ich bin.
Sie geben mir Kraft zum Leben.

(K. Leiter)

Das aber ist des Alters Schöne

Dass es die Saiten weicher stimmt,
dass es der Lust die grellen Töne nimmt.

Ermessen lässt sich und verstehen
Die eigne mit der fremden Schuld,
und wie auch rings die Dinge gehen,
du lernst dich fassen in Geduld.

Die Ruhe kommt erfüllten Strebens,
es schwindet des Verfehlten Pein –
und also wird der Rest des Lebens
ein sanftes Rückerinnern sein.

(Ferdinand von Saar)

Das Erste und Wichtigste im Leben

…ist, dass man sich selbst zu beherrschen sucht – dass man sich mit Ruhe dem Unabänderlichen unterwirft, und jede Lage, die beglückende wie die unerfreuliche, als etwas ansieht, woraus das innere Wesen und der eigentliche Charakter Stärke schöpfen kann.

(W. v. Humboldt)

Desiderata

(So gefunden in der Old Saint Paul´s Church, Baltimore, datiert 1692)

Geh freundlich und gelassen inmitten von Lärm und Hast und denke daran, welcher Friede in der Stille zu finden ist.

So weit wie immer möglich, und ohne dich selbst aufzugeben, versuche mit allen Menschen auszukommen.

Rede von deiner Wahrheit ruhig und deutlich und hör anderen zu, selbst wenn sie dir langweilig und unwissend erscheinen, auch sie haben ihre Geschichte.
Geh lauten und angriffslustigen Menschen aus dem Weg, denn sie sind eine Plage für den Geist.

Wenn du dich mit anderen vergleichst, werde nie eitel oder verbittert, denn es wird immer Menschen geben, die mehr oder weniger können als du. Freue dich über das, was du erreicht hast, wie auch über deine Pläne.

Behalte das Interesse an deiner Arbeit, doch ohne Überheblichkeit, denn dein Tun und Handeln ist ein wahrer Besitz unter all den Dingen, deren Wert mal zu mal abnimmt.

Sei vorsichtig bei deinen Geschäften, denn die Welt ist voller List. Werde aber dadurch nicht blind gegenüber der Tatsache, dass es viele Menschen gibt, die noch Ideale haben und sie zu verwirklichen trachten.

Sieh auch, dass es überall im Leben noch echte Tapferkeit gibt.

Sei du selbst. Vor allem, täusche nicht Zuneigung vor, noch werde zynisch, was die Liebe angeht, denn trotz aller Erstarrung und Entzauberung, die du um dich siehst, lebt sie ewig fort wie das Gras.

Beuge dich freundlich dem Rat der Jahre und gib mit Anmut Dinge aus der Hand, die der Jugend vorbehalten sind.

Erhalte dir die Schärfe deines Verstandes, denn sie vermag dich vor plötzlichem Unglück zu bewahren.

Aber lass dich nicht fallen in ständiges Grübeln. Viele Ängste sind nur eine Ausgeburt von Müdigkeit oder Einsamkeit.

Nichts gegen eine gewisse Disziplin, im übrigen aber sei freundlich mit dir selbst.
Du bist ein Kind des Universums, nicht anders als der Baum vor der Tür oder die Sterne am Himmel. Du hast ein Recht darauf, hier zu sein. Und ob es dir nun klar ist oder nicht: Das Universum entfaltet sich, seiner Bestimmung gemäß.

Deshalb lebe in Frieden mit Gott, was immer du für ihn halten magst und was immer deine Arbeit und dein Streben sein mag in der lärmerfüllten Verirrung des Lebens.

Halte Frieden mit deiner Seele.

Trotz aller Täuschungen, Plackereien und aller zerbrochenen Träume ist es immer noch eine wunderbare Welt.

Sei bedacht. Strebe danach, glücklich zu sein.

(ins Deutsche übertragen von Hans-Christian Kirsch)

Die Geschichte von der traurigen Traurigkeit

Als die glutrote Sonne am Horizont dem Tag langsam entschwinden wollte, ging eine kleine zerbrechlich wirkende Frau einen staubigen Feldweg entlang. Sie war wohl schon recht alt, doch ihr Gang war leicht und ihr Lächeln hatte den frischen Glanz eines unbekümmerten Mädchens.
 
Fast am Ende dieses Weges saß eine zusammengekauerte Gestalt, die regungslos auf den trockenen, ausgedörrten Sandboden hinunterstarrte. Man konnte nicht viel erkennen, das Wesen, das dort im Staub des Weges saß, schien beinahe körperlos zu sein. Es erinnerte an eine graue aber weiche Flanelldecke mit menschlichen Konturen.
 
Als die kleine zerbrechlich wirkende Frau an diesem Wesen vorbeikam, bückte sie sich ein wenig und fragte: „Wer bist du?“ Zwei fast regungslose Augen blickten müde auf. „Ich? Ich bin die Traurigkeit.“ flüsterte die Stimme stockend und so leise, dass man sie kaum zu hören vermochte. „Ach, die Traurigkeit!“ rief die kleine Frau erfreut, als würde sie eine alte Bekannte begrüßen.
„Du kennst mich?“ fragte die Traurigkeit vorsichtig.
„Aber ja, natürlich kenne ich dich! Immer wieder einmal hast Du mich ein Stück meines Weges begleitet.“
„Ja, aber …“, argwöhnte die Traurigkeit, „warum flüchtest du dann nicht und nimmst Reißaus? Hast du denn keine Angst vor mir?“
„Warum sollte ich vor dir davon laufen? Du weißt doch selbst nur zu gut, dass du jeden Flüchtigen einholst. Man kann dir nicht entkommen. Aber, was ich dich fragen möchte: Warum siehst du so betrübt und mutlos aus?“
„Ich … ich bin traurig“, antwortete die graue Gestalt mit klangloser Stimme.
 
Die kleine, alte Frau setzte sich zu ihr.
„Traurig bist du also“, sagte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf.
„Erzähl mir doch, was dich so sehr bedrückt.“
 
Und die Traurigkeit seufzte tief. Sollte ihr diesmal wirklich jemand zuhören?
Wie oft hatte sie sich das schon gewünscht.
„Ach, weißt du“, begann die Traurigkeit zögernd, „es ist so, dass mich einfach niemand mag. Niemand will mich. Dabei ist es doch nun mal meine Bestimmung, unter die Menschen zu gehen und für eine gewisse Zeit bei ihnen zu verweilen. Aber jedes Mal, wenn ich zu ihnen komme, schrecken sie zurück. Sie fürchten sich vor mir und meiden mich.“
 
Die Traurigkeit schluckte schwer.
„Sie haben Sätze erfunden, mit denen sie mich verstoßen wollen. Sie sagen:
Ach was, das Leben ist heiter und fangen an zu lachen.
Aber ihr falsches erzwungenes Lachen führt zu Magenkrämpfen.
Sie sagen: Gelobt sei, was hart macht. Und dann bekommen sie Herzschmerzen.
Sie sagen: Man muss sich zusammenreißen. Und sie spüren das Reißen in den Schultern und im Rücken, im ganzen Körper. Verkrampft sind sie.
Sie drücken die Tränen tief hinunter und haben Atemnot. Sie sagen: Nur Schwächlinge weinen. Dabei sprengen die aufgestauten Tränen fast ihre Köpfe. Manchmal können sie dadurch nicht mal mehr sprechen.
Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen,
damit sie nicht fühlen müssen.“
 
Die Traurigkeit sank noch ein wenig mehr in sich zusammen.
„Und dabei will ich den Menschen doch nichts Böses, ich will ihnen doch nur helfen. Denn wenn ich ganz nah bei ihnen bin, können sie sich selbst begegnen. Ich helfe ihnen ein Nest zu bauen, um ihre Wunden zu pflegen und zu heilen. Weißt du, wer traurig ist, hat eine besonders dünne Haut, und manches Leid bricht dadurch immer wieder auf, wie eine schlecht verheilte Wunde, und das tut sehr weh. Aber nur wer mich zu sich lässt und all die ungeweinten Tränen weint, kann seine Wunden erst wirklich heilen. Doch die Menschen wollen gar nicht, dass ich Ihnen dabei helfe. Stattdessen schminken sie sich ein grelles Lachen über ihre Narben. Oder sie legen sich einen dicken Panzer aus Bitterkeit und ewiger Enttäuschung zu. Ich glaube, sie haben einfach nur unbändige Angst zu weinen und mich zu spüren.
Deshalb verjagen sie mich immer wieder.“
 
Dann schwieg die Traurigkeit. Ihr Weinen war erst schwach, dann stärker und schließlich ganz innig und verzweifelt, und die vielen kleinen Tränen tränkten den staubigen, ausgedörrten Sandboden.
 
Die kleine, alte Frau nahm die zusammengesunkene Gestalt tröstend in die Arme.
Wie weich und sanft sie sich anfühlt, dachte sie und streichelte das zitternde Bündel. „Weine nur, kleine Traurigkeit“, flüsterte sie liebevoll, „ruh dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Du sollst nicht mehr alleine wandern. Ich werde auch dich von nun an begleiten, damit die Mutlosigkeit nicht noch mehr Macht gewinnt.“
 
Die Traurigkeit hörte zu weinen auf. Sie sah zu ihrer neuen Gefährtin auf und betrachtete sie erstaunt:
„Aber … aber, wer bist du eigentlich?“
„Ich …“, sagte die kleine und zerbrechlich wirkende Frau und lächelte dabei wieder so unbekümmert wie ein kleines Mädchen, “ … bin die Hoffnung!
 
(M. Schumann)

Die Lachfalten Gottes

Wenn ich noch einmal leben könnte, würde ich viel unbedachter sein.
Ich würde mehr Fehler machen und sie mir auch zugestehn.

Wenn ich noch einmal leben könnte, würde ich langsamer gehen, nicht rennen,
und mir alles auf dem Weg genauer anschauen.

Ich würde ruhig warten, bis eine Knospe sich öffnet zu voller Blüte.
Ich würde keinen Regenschirm mehr mitnehmen, keinen Proviant, keine Stiefel und kein Aspirin.

Wenn ich noch einmal leben könnte, würde ich öfter die Schule schwänzen und weniger Regeln und Verbote beachten.

Ich würde nichts mehr auswendig, sondern nur noch inwendig lernen.
Ich würde Befehle und Verordnungen doppelt prüfen und meinen Empfindungen gehorchen.
Wenn ich noch einmal leben könnte, würde ich mehr von der Welt anschauen und mehr Menschen umarmen.

Ich würde den Augenblick auskosten und nicht einer „guten alten Zeit“ nachtrauern
Oder zehn Jahre schon heute verplanen.

Ich würde das Risiko eingehen, ein kindliches Vertrauen zu bewahren.
Ich würde mich nicht schämen und alles aufs Spiel setzen.

Wenn ich noch einmal leben könnte, würde ich im Frühling früher und im Herbst länger barfuss gehen.
Ich würde öfter schreien und Friedhofsmauern bunt bemalen.
Ich würde öfter streiten und öfter versöhnen,
mich weniger entschuldigen und klarer meinen Standpunkt vertreten.

Wenn ich noch einmal leben könnte, würde ich viel unverschämter aus dem Rahmen fallen. Und lauter auf die Pauke hau´n. Ich würde mich von Gottes Charme ganz hinreißen lassen
Und mich in seine Lachfalten vertiefen.

Wenn ich noch einmal leben könnte –Ich lebe jetzt – also:
Wo ist die nächste Friedhofsmauer? …

(Aus: Karin E. Leiter, Die Lachfalten Gottes, Fröhliches Christsein, Tyrolia, 1995)

Gedicht einer verwirrten alten Frau

Dieses Gedicht schrieb eine alte Frau, die lange Zeit in einem Pflegeheim in Schottland lebte. Man hielt sie für desorientiert. Nach ihrem Tod fand man diese Aufzeichnung bei ihren Sachen.

Was seht ihr, Schwestern, was seht ihr?

Denkt ihr, wenn ihr mich anschaut:
Eine mürrische alte Frau, nicht besonders schnell,
verunsichert in ihren Gewohnheiten,
mit abwesendem Blick,
die ständig beim Essen kleckert,
die nicht antwortet, wenn ihr sie anmeckert, weil sie wieder nicht pünktlich fertig wird.
Die nicht so aussieht, als würde sie merken, was ihr macht
und ständig den Stock fallen lässt und nicht sieht, wo sie geht,
die willenlos alles mit sich machen lässt: füttern, waschen und alles was dazu gehört.

Denkt ihr denn so von mir, Schwestern,
wenn ihr mich seht, sagt?
Öffnet die Augen, Schwestern,
schaut mich genauer an!
Ich soll euch erzählen, wer ich bin,
die hier so still sitzt,
die macht was ihr möchtet
und isst und trinkt, wann es euch passt?

Ich bin ein zehnjähriges Kind
mit einem Vater und einer Mutter,
die mich lieben
und meine Schwester und meinen Bruder.

Ein sechzehnjähriges Mädchen,
schlank und hübsch, die davon träumt,
bald einem Mann zu begegnen.

Eine Braut, fast zwanzig,
mein Herz schlägt heftig beim Gedanken
an die Versprechungen,
die ich gegeben und gehalten habe.

Mit fünfundzwanzig noch,
habe ich eigene Kleine, die mich Zuhause brauchen.

Eine Frau mit dreißig,
meine Kinder wachsen schnell und helfen einander.

Mit vierzig,
sie sind alle erwachsen und ziehen aus.
Mein Mann ist noch da
und die Freude ist nicht zu Ende.

Mit fünfzig kommen die Enkel
und sie erfüllen unsere Tage,
wieder haben wir Kinder –
mein Geliebter und ich.

Dunkle Tage kommen über mich,
mein Mann ist tot.
Ich gehe in eine Zukunft voller Einsamkeit und Not.
Die Meinen haben mit sich selbst genug zu tun,
aber die Erinnerungen von Jahren
und die Liebe bleiben mein.

Die Natur ist grausam,
wenn man alt und krumm ist
und man wirkt etwas verrückt.

Nun bin ich eine alte Frau,
die ihre Kräfte dahinsiechen sieht
und der Charme verschwindet.
Aber in diesem alten Körper
wohnt immer noch ein junges Mädchen,
ab und zu wird mein mitgenommenes Herz erfüllt.

Ich erinnere mich an meine Freuden,
ich erinnere mich an meine Schmerzen
und ich liebe und lebe mein Leben noch einmal,
das all zu schnell an mir vorübergeflogen ist
und akzeptiere kühle Fakten,
dass nichts bestehen kann.

Wenn ihr eure Augen
AUFMACHT, SCHWESTERN,
so seht ihr nicht nur eine mürrische alte Frau.
Kommt näher,

seht MICH!

Ich muss Abschied nehmen

Sagt mir Lebewohl, meine Brüder.
Ich verneige mich vor euch allen,
ich nehme Abschied von euch.

Die Schlüssel zu meiner Tür gebe ich zurück,
nichts will ich mehr aus meinem Haus.
Ich bitte nur um eure letzten lieben Worte.

Lange waren wir Nachbarn,
aber ich empfing mehr als ich geben konnte.
Nun hat sich der Tag geneigt.
Die Lampe, die meinen dunklen Winkel erhellte,
verlöscht.

Der Ruf ist ergangen. Ich bin zum Aufbruch bereit.

(Tagore)

Im Augenblick unseres Todes

Im Augenblick unseres Todes ist der Zustand unseres Geistes überaus wichtig. Wenn wir in einer positiven Geisteshaltung sterben, können wir uns – trotz negativen Karmas – bei unserer nächsten Geburt verbessern. Wenn wir aufgewühlt und verzweifelt sterben, kann das schädliche Auswirkungen haben, selbst wenn wir unser Leben gut genutzt haben sollten. Das heißt: Die letzten Gedanken und Gefühle vor dem Tod haben einen äußerst machtvollen, bestimmenden Einfluss auf unsere allernächste Zukunft.

So wie der Geist eines Verrückten hilflos Wiederholungszwängen ausgeliefert ist, ist unser Geist im Tode völlig wehrlos gegenüber allen zu dieser Zeit in uns vorherrschenden Gedanken. Der letzte Gedanke, die letzte Emotion kann dann, unverhältnismäßig verstärkt, unsere gesamte Wahrnehmung überschwemmen.

Darum betonen die Meister auch stets, wie wichtig in unseren letzten Stunden die Atmosphäre ist, die uns umgibt. Wir sollten daher für unsere Freunde und Verwandten alles in unserer Macht stehende tun, um positive Emotionen, gute Gefühle wie Liebe, Mitgefühl und Hingabe inspirieren, und alles, um ihnen zu helfen, „Greifen“, „Sehnen“ und „Anhaften“ aufzugeben.

(Sogyal Rinpoche)

Momo

Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war: Zuhören. Das ist doch nichts Besonderes, wird nun vielleicht mancher Leser sagen, zuhören kann jeder.

Aber das ist ein Irrtum.- Wirklich zuhören können nur ganz wenige Menschen. Und so wie Momo sich aufs Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig.

Momo konnte so zuhören, dass dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. Nicht etwa, weil sie etwas sagte oder frage, was den anderen auf solche Gedanken brachte, nein, sie saß nur da und hörte einfach zu mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme. Dabei schaute sie den anderen mit ihren großen, dunklen Augen an, und der Betreffende fühlte, wie in ihm auf einmal Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, dass sie in ihm steckten.

Sie konnte so zuhören, dass ratlose oder unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wussten, was sie wollten. Oder dass Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten. Oder dass Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden.

Und wenn jemand meinte, sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und er selbst nur irgendeiner unter Millionen, einer auf den es überhaupt nicht ankommt und der ebenso schnell ersetzt werden kann wie ein kaputter Topf – und er ging hin und erzählte alles das der kleinen Momo, dann wurde ihm, noch während er redete, auf geheimnisvolle Weise klar, dass er sich gründlich irrte, dass es ihn, genauso wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und dass er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war.

So konnte Momo zuhören!

(Michael Ende)

Auszug aus Nelson Mandelas Antrittsrede als Präsident von Südafrika

Unsere tiefste Angst ist nicht, dass wir unzulänglich sind. Unsere tiefste Angst ist, dass wir grenzenlose Macht in uns haben. Es ist unser Licht und nicht unsere Dunkelheit.

Wer bin ich schon, fragen wir uns, dass ich schön, talentiert und fabelhaft sein soll? Aber ich frage dich, wer bist Du, es nicht zu sein.

Du bist ein Kind Gottes. Dich kleiner zu machen dient unserer Welt nicht. Es ist nichts Erleuchtendes dabei, sich zurückzuziehen und zu schrumpfen, damit andere Leute nicht unsicher werden, wenn sie in Deiner Nähe sind. Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit Gottes, die in uns ist, zu offenbaren. Sie ist nicht nur in einigen von uns, sie ist in jedem von uns. Wenn wir unser eigenes Licht strahlen lassen, geben wir unbewusst unseren Mitmenschen die Erlaubnis dasselbe zu tun.

Bleibt uns nur das Ewige jeden Augenblick gegenwärtig, so leiden wir nicht an der Vergänglichkeit der Zeit.

(entnommen aus Misericordia Nov. 2000)

Spuren im Sand

Ich träumte eines Nachts,
ich ging am Meer entlang
mit meinem Herrn.
Und es entstand vor meinen Augen,
Streiflichtern gleich, mein Leben.
Nachdem das letzte Bild an uns
vorbeigeglitten war, sah ich zurück
und stellte fest,
dass in den schwersten Zeiten
meines Lebens
nur eine Spur zu sehen war.
Das verwirrte mich sehr,
und ich wandte mich an den Herrn:
„Als ich dir damals alles
was ich hatte, übergab
um dir zu folgen, da sagtest du,
du würdest immer bei mir sein.
Warum hast du mich verlassen,
als ich dich so verzweifelt brauchte?“
Der Herr nahm meine Hand:
“Geliebtes Kind,
nie ließ ich dich allein,
schon gar nicht in der größten Not.
Wo du nur ein Paar Spuren
in dem Sand erkennst,
sei ganz gewiss:
ICH HABE DICH GETRAGEN.

(Margarete Fischback Powers)

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegensenden,
des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

(Hermann Hesse)

Tod

als Grenze des Lebens
aber nicht der Liebe
annehmen!

Nicht im Schmerz
eingemauert bleiben!
Nicht nur den Verlust
sehen!

Vertrauen und hoffen,
dass es die andere Welt gibt,
real und nahe,
nicht jenseits von uns,
sondern um uns,
über uns, in uns

(Martin Gutl)

Und ich möchte …

Und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.

Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum alles zu leben.

Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.

(Rilke)

Von guten Mächten wunderbar geborgen

Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar, –
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last,
Ach, Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
Das Heil, für das Du uns geschaffen hast.

Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern,
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus Deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst Du uns noch einmal Freude schenken
An dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann woll’n wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört Dir unser Leben ganz.

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
die Du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen!
Wir wissen es, Dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all Deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen
Erwarten wir getrost, was kommen mag,
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen,
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

(Bonhoeffer, Dez. 44)

Memento

Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tod derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang,
Und lass mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr,
– Und die es trugen mögen mir vergeben.
Bedenkt: Den eigenen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der anderen muss man leben.

(Mascha Kaleko)

Wegbegleitung

Ich kann deine Ängste nicht tragen,
von deinem Schmerz dich nicht befreien,
dir die Last der Vergangenheit nicht nehmen,
die Trauer aus deinem Herzen nicht verbannen,
von deiner Einsamkeit dich nicht erlösen. –

Doch ich gehe gerne an deiner Seite:
Reiche dir meine Hand,
damit Angst und Schmerz
dich nicht überwältigen;
gebe dir meine Achtung
und mein Versprechen,
dass nichts zu schwer sein wird,
als dass du es vor mir nicht zeigen dürftest.

Ich bin dein Wegbegleiter,
so du magst,
und Freundschaft ist das Band, das uns verbindet.

(Karin Kohlmann)

Wie lange hat es gedauert

Wie lange hat es gedauert, bis es gefallen ist
Das Wort der Versöhnung
Die Geste, die Vertrauen weckt.

Holen wir die versäumte Freundschaft nach
Beginnen wir
Endlich

So viel Zeit haben wir
Durch Feindschaft missbraucht
Und keiner weiß, wie viel Zeit uns noch bleibt
Wiedergutzumachen.

Hier ist meine Hand

(Margot Bickel)

Wussten sie schon?

Wussten sie schon,
dass die Nähe eines Menschen
gesund machen,
krank machen,
tot und lebendig machen kann?

Wussten sie schon,
dass die Nähe eines Menschen
gut machen,
böse machen,
traurig und froh machen kann?

Wussten sie schon,
dass das Wegbleiben eines Menschen
sterben lassen kann,
dass das Kommen eines Menschen
wieder leben lässt?

Wussten sie schon,
dass die Stimme eines Menschen
einen anderen Menschen
wieder aufhorchen lässt,
der für alles taub war?

Wussten sie schon,
dass das Wort
oder das Tun eines Menschen
wieder sehen machen kann,
der nichts mehr sah,
der keinen Sinn mehr sah
in dieser Welt und in seinem Leben?

Wussten sie schon,
dass das Zeit haben für einen Menschen
mehr ist als Geld,
mehr als Medikamente,
unter Umständen mehr
als eine geniale Operation?

Wussten sie schon,
dass das Anhören eines Menschen
Wunder wirkt,
dass das Wohlwollen Zinsen trägt,
dass ein Vorschuss an Vertrauen
hundertfach zurückkommt ?

Wussten sie schon,
dass tun mehr ist als reden,
aber dass man manchmal
einfach nur aushalten kann?

Wussten sie das alles schon?
Und wussten sie auch schon,
dass der Weg vom Wissen über das Reden
zum Tun oder zum Lassen
interplanetarisch weit ist?

(Wilhelm Willms, 1977)

Zum Engel der letzten Stunde

den wir so hart den Tod nennen,
wird uns der weichste, gütigste Engel zugeschickt,
damit er gelinde und sanft
das niedersinkende Herz des Menschen
vom Leben abpflücke und es
in warmen Händen und ungedrückt
aus der kalten Brust in das hohe wärmende Eden trage.

Sein Bruder ist der Engel der ersten Stunde,

der den Menschen zweimal küsset,
das erste Mal, damit er dieses Leben anfange,
das zweite Mal, damit er droben
ohne Wunden aufwache
und in das andere lächelnd komme,
wie in dieses Leben weinend.

(Jean Paul (1763 – 1825), Tod eines Engels)